back


"Spindrift" Leo CD LR 883

Frank Paul Schubert – alto and soprano saxophone
Dieter Manderscheid – doublebass
Martin Blume – drums and percussions


Spindrift

01 Gale (34:08)
02 Leucothea (30:44)

total time: 64:54


All music by Frank Paul Schubert, Dieter Manderscheid, Martin Blume (GEMA)

Recorded live at LOFT Cologne on April 12, 2019
recorded, mixed and mastered by Stefan Deistler
Cover art by Karin Kahlhofer (1943-2017) „o.t. 1994“
Photos by Jef Vandebroek
Liner notes by Werner Hassler, translated by Melvyn Poore


"If this trio had not come together, someone would have had to invent it. The three exceptional musicians of the german scene show what Instant Composing can mean today, with their refined language and continued expressiveness. All three originate from North Rhine/Westfalia, in the meantime Frank Paul Schubert lives in Berlin. Known among other things for his collaboration with British musicians, such as Paul Dunmall or John Edwards, he is one of the most important contemporary saxophonists, characterized by an idiosyncratic and independent style. Dieter Manderscheid is one of the most sought-after European bass players, versatile, elegant and virtuosic. The great Ekkehard Jost called his playing ’addictive'. He has played for many years now with Blume in various formations: together they perform with somnambulistic certainty. Blume is one of the leading representatives of European improvised music, characterized by his pronounced quasi-compositional sensitivity, which "indicates a close connection to new music" (Signal to Noise). Expect nothing less from this trio than finely-honed, subtle and exuberant sound research."

Werner Hassler
(Manufaktur Schorndorf/D)

Spindrift |

Instant Composing voller Finesse und Schönheit

Text: Heinrich Brinkmöller-Becker

Drei Ausnahmemusiker der NRW-Szene der improvisierten Musik geben ein neues Album heraus: Spindrift – ein Live-Mitschnitt von ihrem Konzert im Kölner Loft aus dem letzten Jahr. Man hört den beiden jeweils über 30 Minuten langen Stücken der CD an, dass Frank Paul Schubert (as, ss), Dieter Manderscheid (b) und Martin Blume (dr, perc) schon häufig miteinander gespielt haben und geradezu traumwandlerisch ihre improvisatorischen Einfälle voller subtiler Finesse aufeinander beziehen können, dass man als Hörer den Eindruck gewinnen muss, hier handele es sich um ein durchkomponiertes, akribisch abgestimmtes musikalisches Konzept.

Instant Composing – das bedeutet nicht nur auf die Rezipientenseite bezogen ein der Situation verhaftetes „Instant Listening“, sondern ein solches auch der beteiligten Musiker, die das Aufeinanderhören abstimmen auf den ständigen Prozess des eigenen Weiterentwickelns von musikalischen Ideen im Sinne des Miteinanderspielens, des gemeinsamen Weiterspinnens von Ideen zu dem Zwecke, weniger ein Kunstprodukt zu schaffen, sondern eher einen Prozess zu generieren. Der Begriff des „Flows“ beschreibt diesen Ansatz am treffendsten, die Metaphorik von Formen, die sich aufs Wasser beziehen, sind für die Beschreibung dieser Musik nicht von ungefähr sehr verbreitet. Beim Album-Titel Spindrift und dem der beiden Tracks Gale und Leucothea bewegt sich das Trio ebenfalls in dieser Bildwelt. Bedeutungen wie Gischt, Sturm, Orkan, Meeresgötter, Quallen eröffnen Assoziationsräume, die mit dem Musizieren der Drei wunderbar korrespondieren und einen entsprechenden Ideenfluss schaffen.

Gale beginnt mit einem ruhigen, fast kontemplativen Herantasten, Frank Paul Schubert bläst ununterbrochen Phrasen, die vom Bass und den Drums in einem energiegeladenen Kontinuum sekundiert werden. Ganz allmählich, fast unmerklich steigern sich Tempo und Energie, das Alt-Sax wird mit schnellen und exklamatorischen Läufen expressiver, die Begleitung hält und bekräftigt das Energielevel mit vielen variantenreichen Einfällen. Nach ca. zehn Minuten leitet ein Bass-Solo eine neue Sequenz ein, ein für den ersten Track typischer Wechsel, der belegt, wie einfühlsam-spontan das Trio seine musikalischen Ideen entwickeln und auch wieder ausklingen lässt, um einen neuen Anlauf zu nehmen. Zunächst ohne Saxophon, nur mit „singender“ Perkussion unterstützt, streicht Dieter Manderscheid den Kontrabass, Saxophon und Perkussion nehmen das Material auf und verdichten es im anschwellenden Tempo zu einem ähnlich konzentrierten Block wie in der Anfangssequenz. Einen bluesartig klingenden Zyklus läutet das Saxophon mit einem expressiven Growling ein, der Bass kommt mit Flageolett-Tönen hinzu. Klangliche Farbtupfer des Saxophons und eine unermüdlich arbeitende Perkussion lassen bei schnellen Bassläufen eine ausgesprochen fokussierte Klangreise entstehen. Die unterschiedlichen Phrasen werden jeweils von allen Dreien raffiniert aufgegriffen und bis zum ekstatischen Siedepunkt am Schluss zusammengebracht.

Leucothea arbeitet zunächst in ruhigerem Fahrwasser und entwickelt nuancenreiche Wendungen, um im weiteren Verlauf mit den vorwärtstreibenden Drums an Fahrt aufzunehmen. Die Musik erreicht dabei mit ihrem verhaltenen Schwebezustand eine verblüffende Suggestivkraft, eine hochkonzentrierte Dichte. Das Saxophon schlägt virtuose Haken, während Bass und Percussion für eine komplexe und differenzierte Dauerbewegung sorgen. Bei aller Abstraktion von Harmonie und Melodie beziehen die drei Musiker sich geheimnisvoll aufeinander und lassen ein klangexperimentelles Gebilde entstehen, das man als gelungene akustische Übersetzung eines submarinen Perpetuum mobile auffassen kann.

Als Zuhörer ist man froh darüber, dass ein solches Konzert als CD vorliegt und man nicht auf ein „Instant Listening“ des Live-Konzertes beschränkt bleibt. Die digitale Reproduktionstechnik ermöglicht ein mehrmaliges Hören von Spindrift und erschließt einem erst recht umfänglich die Schönheit und Finesse dieser CD.

Frank Paul Schubert, Dieter Manderscheid, Martin Blume: Spindrift. Leo Records LR 883 2020
nrwjazz

musiczoom